
Richard Kägi
Mit einem grossartigen Riecher ausgestattet, war lange Weinhändler und Einkäufer für Delikatessen. Bis heute reist er als Foodscout auf der Suche nach deliziösen Preziosen um die ganze Welt. Und als Gastgeber von schon fast legendären Dinnerpartys und Kochbuchautor hat er sich den Ruf eines unvergleichlichen Kenners des guten Geschmacks erworben.

Im Kartoffelglück
Ich sage es frei heraus: Ich liebe die Kartoffel. Aber nicht so wie man Sushi oder Burrata liebt – nicht dieses kurz aufflammende, Instagram kompatible Begehren. Nein, das ist eine Liebe mit Substanz. Bodenständig, unspektakulär, treu. Die Kartoffel macht kein Drama. Sie macht glücklich. Ein Leben ohne sie? Möglich, aber sinnlos.
Während Quinoa sich in hippen Bowls selbst feiert, Avocados moralisch implodieren und Chiasamen die Zahnlücken verstopfen, liegt die Kartoffel still und unscheinbar in ihrer Kiste. Kein Marketing, kein fancy Rebranding, kein «Potanuary». Ohne Detox-Versprechen, ohne Schamanen, die ihr spirituelle Schwingungen andichten. Nur Stärke, Charakter – und eine Brise erdiger Demut. Sie könnte anders, hat alles, was es für eine Influencer-Karriere bräuchte: ein makelloses Inneres, eine glänzende Haut (wenn man sie schrubbt), und sie schmeckt einfach gut. Immer. Kartoffeln müssen nicht trendy sein – sie sind der Trend. Seit 10’000 Jahren. Die Azteken wussten das. Die Inkas beteten sie an. Die Peruaner züchteten aus der Ur-Varietät 4000 Sorten. Heute ist die Kartoffel das Gegenteil einer Avocado: Kein Hype, kein Gewissen, aber immer da, wenn man sie braucht. Sie reist nicht um die halbe Welt, sondern wartet vor der Haustür. Regional, saisonal, moralisch einwandfrei – und trotzdem: kein Mensch applaudiert ihr. Warum? Weil sie keinen Bock hat auf die Bühne. Weil sie weiss, dass sie sowieso gewinnt.
Die Kartoffel ist die stille Freundin, die dich nicht ghostet. Die auch nicht beleidigt ist, wenn du sie mal liegen lässt. Im Keller wartet sie einfach. Wochenlang. Sie treibt höchstens ein paar unschöne Augen, aber wer tut das im Alter nicht.
Kartoffeln verzeihen. Und sie vereinen.
Denn wirklich jeder – vom sternegeilen Schaumfetischisten bis zum letzten Kantinenkoch – weiss mit ihr etwas anzufangen. Kartoffeln sind die unbesungenen Heldinnen der Küche. Die Braven. Die Zuverlässigen. Die, die alles mitmachen, ohne zu meckern. Kochen, braten, rösten, frittieren, stampfen, gratinieren – die Kartoffel sagt immer Ja. Versuch das mal mit Cashew-Käse. Pommes. Rösti. Kartoffelstock. Gratin. Knödel. Gnocchi. Kartoffelsalat. Das ist nicht einfach ein Spektrum, das ist ein ganzes Sinfonie Orchester.
Mein Tipp: nach den Bergkartoffeln von Marcel Heinrich Ausschau halten. Gibt's in den Bachser-Märkten und auch online. Es gibt keine besseren Kartoffeln.